Leseprobe - Die Zeit des Puppenspielers

Mittwoch, 9. März

Seit vier Tagen bin ich nun mit meiner Frau in Cuxhaven im Urlaub. Erholen wollte ich mich. Nach den anstrengenden letzten Monaten einfach mal nichts tun. Bloß im Bett liegen, fernsehen und mich entspannen.

Stattdessen zunächst die anstrengende, mehrstündige Anreise am vergangenen Samstag. Wer ist gefahren? Ich.

Dann, die von meiner Frau bestimmten Tage Sonntag, Montag und Dienstag. Gespickt mit kleinen und größeren Unternehmungen, zu denen ich keine Lust hatte, mich regelrecht zwingen musste, sie zu begleiten. Erholung?

Am späten Nachmittag des heutigen Tages kann ich nicht anders, als mir meine Laufkleidung anzuziehen und schlichtweg davonzurennen. Zu rennen, so schnell mich meine Füße tragen. Irgendwohin. Hauptsache weg von … Ja, von wem oder was eigentlich? Von meiner Frau? Meinem Alltag? Der Arbeit? Den zu erledigenden Dingen am Haus? Meinen Ängsten? Den Gedanken mich umzubringen? Fliehe ich gar vor mir selbst?

Wahrscheinlich vor allem, lautet die erdrückend ehrliche Antwort meiner inneren Stimme.

 

Donnerstag, 10. März 2011

Unser, nein, ihr Plan für heute: nach Bremen zu fahren, um bei Ikea ein Bild für unser Wohnzimmer zu kaufen. Für sie: das reinste Vergnügen. Für mich: 120 Kilometer Autobahnfahrt, je Richtung. Gedränge und Lärm. Einkaufsstress.

Erholung – wohl auch heute Fehlanzeige.

Bereits beim Aufstehen plagen mich Gewissensbisse.

Ob ich ihr etwas sagen soll?

Komm schon, tu ihr den Gefallen. Ihr habt es euch vorgenommen, also gibt es jetzt kein Zurück mehr. Was soll sie von dir denken, wenn du jetzt sagst, dass du lieber im Hotelzimmer bleiben möchtest?

Nach dem Frühstück fällt die schwere Haupteingangstür des Hotels mit einem lauten, dumpfen Donnern hinter mir ins Schloss. Schweren Schrittes gehe ich zum Auto. Es kommt mir vor, als ob mich irgendetwas zu bremsen versucht. Ich messe dem keine Bedeutung bei, setze mich hinters Steuer und fahre los.

Panisch und abwesend laufe ich gut anderthalb Stunden später durch das schwedische Einrichtungshaus. Dass wir tatsächlich ein Bild kaufen, ist für mich absolute Nebensache. Angst beherrscht mich. Angst, uns beide auf der bevorstehenden Rückfahrt umzubringen. Einfach das Auto gegen einen Brückenpfeiler zu lenken. So, wie es mir mein Kopf bereits auf der Hinfahrt immer wieder befehlen wollte.

Dennoch kennen meine Gedanken nur ein Ziel: so schnell, wie es geht, wieder ins Hotel zurück zu gelangen.

 

Als ich das Auto am späten Vormittag langsam aus der Parklücke rollen lasse, schaue ich aus dem Augenwinkel zu meiner Frau hinüber.

Ob sie etwas von meinem Zustand bemerkt hat? Irgendetwas muss sie doch merken, oder? Ich bin doch nicht ich …

Ob sie ahnt, dass sie in Lebensgefahr ist? …

Warum fragt sie mich nicht einfach, ob sie fahren soll?

Bitte frag doch einfach …

Doch sie schweigt.

Wir schleichen im Schneckentempo durch das unterste Parkdeck. Lediglich der Vortrieb des ersten Gangs lässt das Auto nicht zum Stehen kommen.

Ich bin wie gelähmt. Unfähig, das Gaspedal auch nur ansatzweise zu berühren, aber irgendwie funktioniere ich. Stoppe das Auto, als wir am Ende der Ausfahrt ungebremst in den fließenden Verkehr zu rollen drohen.

Ich will nicht mehr. Warum fährt sie nicht auch mal?

Du bist der Mann, also sei stark. Du schaffst das schon.

Schaffe ich das wirklich?

Sollte ich nicht doch einfach rechts ran fahren und …. Das willst du nicht wirklich tun, oder?

Warum nicht?

Stell dich nicht so an. Es hat doch bisher auch immer funktioniert, warum sollte es nicht auch heute gut gehen? Los, fahr weiter.

Ich klammere mich noch fester an das Lenkrad. Spüre, dass meine Knie inzwischen butterweich geworden sind und mein rechter Fuß auf dem Gaspedal zu zittern begonnen hat. Schweiß läuft mir den Rücken hinunter. Dennoch kann ich nicht anders, als mich von Ampel zu Ampel durch den Bremer Stadtverkehr zu quälen. Warum? Ich weiß es nicht. Ich weiß so vieles nicht.

Endlose Minuten vergehen, bis wir auf die Autobahn fahren. Das Radio dudelt leise im Hintergrund. Über weite Strecke herrscht ansonsten Stille im Auto. In meinem Kopf toben jedoch meine Gedanken.

Ich fühle mich so leer, so unglaublich leer.

Wäre es nicht doch einfacher, gegen den nächsten Brückenpf…

Nein!!

Wie lange denn noch? Geht dir nicht langsam die Kraft aus?

Sei still! Ich schaffe das.

Ja? Da bin ich mir nicht mehr sicher …

 

Durchgeschwitzt und mit den Nerven am Ende steuere ich schließlich kurz vor Cuxhaven ein abgelegenes Restaurant an, lasse das Auto über den weitestgehend verlassenen Parkplatz rollen und bringe es schließlich an einer entlegenen, schattigen Stelle zum Stehen.

Und nun?

Sie wird bestimmt Hunger haben …

Soll ich ihr sagen, dass ich keinen Hunger habe, oder einfach mitgehen, wie bisher auch?

Ich kann das nicht mehr.

Zögerlich beginne ich, mit bebender, kaum hörbarer Stimme zu reden, ohne meine Frau dabei anzusehen.

„Schatz …“ Ich räuspere mich, da meine Stimme zu versagen droht. „… mir geht es nicht gut und ich … ich fühle mich beschissen. Am liebsten würde ich losheulen, doch ich kann es nicht … Wann hört das endlich auf? Was ist los mit mir? Ich verstehe das alles nicht. Was habe ich falsch gemacht? … War ich nicht bisher immer der Starke? Der, an dessen Schulter du dich ausgeweint hast? Was ist davon geblieben? … Nichts … Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.“

Meine Worte lassen augenblicklich das Strahlen der erfolgreichen Shoppingtour aus ihrem Gesicht verschwinden.

Im Gegensatz zu mir kullern ihr wenige Sekunden später Tränen über die Wangen. Auch sie hat anscheinend keine passenden Antworten auf meine Fragen.

Ratlos verschränke ich meine Arme auf der Oberkante des Lenkrades, lege meine Stirn auf einen meiner Unterarme und schließe die Augen.

Es herrscht fortan eine gespenstische Stille im Auto. Keiner von uns beiden sagt etwas oder bewegt sich.

Ich horche in mich hinein.

Ich bin ruhiger geworden.

Ihr das zu sagen, hat … gutgetan!

Etliche Minuten vergehen, bis die weibliche Computerstimme des Navigationsgerätes die Stille im Auto abrupt beendet: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

Ich hebe meinen Kopf und schaue kurz in den Rückspiegel. Rote, verquollene Augen schauen mich an und dann, wenig später, zu meiner Frau hinüber. Unsere Blicke begegnen sich.

„Ich kann jetzt nichts essen“, gestehe ich ihr.

Sie nickt und sagt: „Auch mir ist der Appetit vergangen.“

 

Zurück im Hotelzimmer, streife ich mir die Jacke vom Oberkörper, lege mich samt Schuhen ins Bett, ziehe mir die Bettdecke bis unters Kinn und versuche, mich zu entspannen. Meine Gedanken kreisen jedoch unaufhaltbar weiter:

Wie konnte es so weit kommen? Wann habe ich aufgehört, ich selbst zu sein? Habe ich überhaupt aufgehört – oder nie angefangen?

Warum kann ich keine Emotionen zeigen? Bin ich wirklich der Eisblock, für den mich alle halten?

Es stimmt schon, ich hab nach außen immer nur das Gefühl gezeigt, das andere von mir erwartet haben. Stark sollte ich sein und ich war stark, oh ja. Und nun? Was ist von dieser Stärke geblieben?

Nichts.

Sind die Gefühle für meine Frau auch nur gespielt? Habe ich mir mit meiner Beziehung zu ihr auch die ganze Zeit etwas vorgemacht?

Gerade diese Frage treibt mir einen dicken Kloß in den Hals und lässt meinen Kopf innerlich anschwellen. Zumindest empfinde ich das so.

War tatsächlich alles nur gespielt? Unsere Beziehung? Die Hochzeit? Das Haus?

Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Inständig hoffe ich, dass das nicht der Fall ist, doch ich weiß im Moment keine Antwort auf diese Frage, was mich abermals zutiefst beunruhigt, meine Gedanken jedoch nicht zum Schweigen bringt.

Hat meine Frau nicht erst kürzlich gesagt, ich hätte verlernt spontan zu sein?

War ich überhaupt jemals spontan? Wenn ja, wann habe ich diese Eigenschaft verloren? Erst vor Kurzem oder wohlmöglich schon vor Jahren?

Wie ist man spontan? Ich weiß es nicht (mehr).

Konnte ich überhaupt in den letzten Jahren noch spontan sein? An jedem Tag folgte ein Termin auf den nächsten. Auch an den Wochenenden gab es mehr als genug Verpflichtungen. Termine, die ich einhalten „musste“, egal ich ob Lust hatte, oder nicht.

Ich soll spontan sein. Aber wie? Was verlangt sie da von mir? War ich nicht immer spontan? … Anscheinend nicht.

Je tiefer ich in meinen Gedanken versinke, desto mehr neue Gedankenfelder öffnen sich:

Zu viele Zwänge und Regeln bestimmen mein Leben. Warum höre ich auf diese Regeln, die mir mein Kopf vorschreibt?

Wann bin ich mal zufrieden? Warum muss immer alles noch besser und noch toller sein? Immer strebe ich nach mehr. Setze mir neue, höhere Ziele. Weshalb?

Ziele … Was ist mein Ziel? Wofür kämpfe ich hier eigentlich? Macht es überhaupt noch Sinn?

„Der Weg ist das Ziel“, sagt meine Frau aus dem Nichts.

Wie selbstverständlich und einfach das klingt …

Der Weg ist das Ziel?

Warum hat sie das eigentlich gerade gesagt? Habe ich etwa laut gedacht?

Gehe ich momentan meinen Weg? Welcher Weg ist mein Weg?

Der bisherige führte mich in diese Sackgasse, also kann es nicht mein Weg gewesen sein!

Was ist aus nur aus mir geworden? Ein ängstliches Wrack, dass sich kaum traut, morgens aus dem Bett zu steigen, aus Angst, sich etwas anzutun.

Ich möchte wieder auf meinen Instinkt hören können. Das machen, wozu ICH Lust habe und nicht andere! Meine Meinung sagen und nicht die anderer. Meinen Weg gehen und nicht den anderer. Den Dingen meine Note geben und nicht nur anderen nach dem Mund reden. Aber wie?

Kann ich nicht einfach aus diesem Albtraum aufwachen? Feststellen, die letzten Wochen und Monate nur als schlechten Traum geträumt zu haben?

Es ist kein Traum. Leider …!

Ich will das alles nicht mehr.

So kann ich nicht weitermachen!

Ich stehe plötzlich auf, suche ein Blatt Papier und einen Stift und beginne zu schreiben.

 

Freitag, 11. März 2011

Das Bett ist stark und hält mich fest. Es fällt mir schwer, die Augen zu öffnen und wach zu werden. Licht und frische Luft strömen ins Zimmer, woraus ich folgere, dass meine Frau bereits aufgestanden ist.

Verträumt und noch ein wenig müde richte im mich im Bett auf und versuche mich zu orientieren.

In diesem Moment kommt meine Frau vom Balkon zurück ins Zimmer.

„Wollen wir frühstücken und danach rüber ins Hallenbad gehen?“, werde ich gefragt.

Meine innere Ruhe endet abrupt.

Was will sie von mir? Kann sie mich nicht einfach mal in Ruhe lassen? Ich möchte erst mal in Ruhe aufstehen, mich im Bad fertig machen, frühstücken und dann am liebsten auf dem Zimmer bleiben.

Willst du das wirklich?

Ich bleibe ihr und mir eine Antwort schuldig. Stattdessen hole ich das gestern von mir beschriebene Blatt Papier aus der Nachttischschublade. Lese es ein letztes Mal und entscheide mich dann aufzustehen.

Langsam schlurfe ich ins Bad, wo ich mich mit den Händen am Rand des Waschbeckens aufstütze, in den Spiegel blicke und mir ein dunkelblonder, zweiunddreißigjähriger Mann entgegenblickt.

Wer bist du?

Du siehst furchtbar aus … müde … ausgemergelt.

Mein Gott … diese Augenringe …

Bin das wirklich ich?

Wer bin ich?

Kopfschüttelnd wende ich mich von meinem Spiegelbild ab und schaue ziellos ins Waschbecken hinunter. Ich atme mehrere Male tief durch, bevor ich meine Hände vom Rand des Waschbeckens löse, den Wasserhahn öffne und mir wieder und wieder kaltes Wasser ins Gesicht klatsche, um endlich aus diesem Albtraum zu erwachen. Doch ich bin bereits wach.

 

Der Frühstücksraum des Hotels ist schon gut besucht. Dennoch finden wir einen freien Tisch, der unseren Wünschen entspricht – möglichst ruhig und nahe dem lichtdurchfluteten Wintergarten.

Wir setzen uns, ordern unsere Getränke.

Nachdem wir die Bestellung aufgegeben haben, gehen wir zum Buffet.

Fast zeitgleich kehren wir an unseren Tisch zurück. Mein Magen ist alles andere als entspannt, dennoch versuche ich, etwas zu essen.

Nach dem Frühstück gehen wir zunächst nicht ins Schwimmbad, sondern am Strand spazieren.

Es ist ein herrlicher Tag. Die Sonne scheint. Es ist keine Wolke am Himmel, aber es ist sehr windig und noch ziemlich kalt. Soll dies wirklich mein letzter Tag sein?

Zunächst lassen wir uns vom Rückenwind schieben. Gehen zum ersten Mal nicht auf einem der gepflasterten oder asphaltierten Wege, sondern direkt im Sand.

Das Wasser ist nur in der Ferne zu sehen. Es herrscht Ebbe. In einzelnen Rinnsalen und in den verbliebenen kleinen Wasserstellen funkelt die Sonne.

Vereinzelt spazieren Menschen durch das Watt, die teilweise nur als kleine Punkte am Horizont auszumachen sind.

Hoffentlich kommen die rechtzeitig zurück, geht mir durch den Kopf.

Ich beobachte die großen und kleinen Schiffe, wie sie die Elbmündung hinauf in Richtung Hamburg fahren, beziehungsweise von dort kommend aufs offene Meer hinausziehen. Wehmut überkommt mich.

Nachdem wir ein ganzes Stück gegangen sind, drehen wir um.

Zurück im Hotel mache ich mich komischerweise gleich daran, unsere Schwimmtasche zu packen. Das Blatt Papier stecke ich ebenfalls ein.

Ich verstehe in diesem Moment nicht, was meine Hände, meine Füße, genau genommen mein ganzer Körper mit mir veranstaltet, wehre mich jedoch auch nicht dagegen.

Ich lasse es einfach geschehen.

Habe ich nicht Angst davor, dorthin zu gehen?

Was geht hier vor?

Badehose, Handtuch …

Irgendeine Kraft treibt mich voran.

Buch, Kekse, Getränke …

Alles geschieht … wie von selbst …

Bademantel, Badelatschen, Duschzeug …

Wo ist meine Angst geblieben?

Fertig.

Bin ich jetzt bereit zu sterben?

Die Frage bleibt unbeantwortet in mir zurück. Ich werfe mir die Tasche über die Schulter und wir verlassen kurz darauf das Hotel.

Es sind nur wenige hundert Meter bis zum Hallenbad. Wieder kommt mir jeder meiner Schritte vor, als hätte ich Blei in den Schuhen. So wie gestern Morgen auf dem Weg zum Auto. Aber heute fühlt es sich doch irgendwie anders an.

Am liebsten würde ich stehen bleiben und einfach umkehren.

Dann bleib stehen.

Es geht nicht … Diese merkwürdige Kraft, treibt mich weiter voran. Schritt für Schritt. Meter für Meter.

Mein Atem wird schwer und mein gesamter Körper steht unter Spannung, als ich das Gebäude betrete, irgendeinen Geldbetrag an der Kasse bezahle, mich in einer kargen Umkleidekabine umziehe und in meinem Bademantel in die Herrendusche schlurfe.

Ich schaue mich um. Bin allein. Überlege noch kurz, ob ich mich abduschen soll, messe dem aber keine Bedeutung bei.

Ich gehe weiter, trete vor eine Tür. Die Tür, die in fast jedem Schwimmbad den Duschbereich von der Schwimmhalle trennt. In diesem Fall eine von grellem Licht durchflutete matte Glastür, durch die ich nicht hindurchsehen kann.

Das Licht, das von der anderen Seite gegen die Tür scheint, ist derart hell, dass ich regelrecht geblendet werde.

Das Licht zwischen Leben und Tod?

Mein Atem wird noch schwerer, scheint stillzustehen. Ich spüre, wie mein Herz in der Brust schneller und heftiger zu schlagen beginnt. Zögerlich lege ich meine rechte Hand auf die Klinke der Tür, öffne sie jedoch nicht.  ...

 

Kurz darauf sollte sich mein Leben grundlegend verändern.

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© Jens Nolte